Natur in der Stadt: Grünfassaden

Grüne Fassaden generieren einen „atmenden Stadtraum“ und fördern die Biodiversität im urbanen Raum. Die Pflanzen binden CO2 und säubern die Luft. Durch die Begrünung wird das Mikroklima von versiegelten und überhitzten Stadträumen verbessert. Für Bauherren und Nutzer bieten die Fassadenbegrünungen auch Lärmreduktion und Sichtschutz. Die Pflanzen sorgen für Beschattung und Sonnenschutz ebenso wie für eine Senkung der Umgebungstemperaturen. Auch der durch Grünfassaden erfolgende Regenwasserrückhalt ist wichtig – nicht nur wegen der immer häufiger auftretenden Starkregenereignisse.

Grünfassaden bieten einen deutlichen Mehrwert, führen aber auch zu leicht erhöhten Investitionskosten, zusätzlichen Kosten für Pflege und Instandhaltung und (je nach Ausführung) ggf. zusätzlichen Lasten für das Tragwerk. Besonderheiten in den Planungsphasen sind u.a. Anforderungen aus der Begrünung selbst wie z.B. Brandschutz, Integration der Versorgungstechnik, Frost- und Hitzeschutz und der Höhenzugang zur Wartung und Pflege durch die Gärtner. Anhand von drei ausgewählten Projektbeispielen soll im Folgenden näher erläutert werden, was die Besonderheiten bei der Planung und Realisierung von Grünfassaden sind und wie sie angemessen berücksichtigt werden können.

Calwer Passage, Stuttgart

Der Neubau der Calwer Passage in Stuttgart hat eine Länge von über 130 Metern und beherbergt neben Büronutzung in der Obergeschossen auch Wohnungen sowie Flächen für Handel und Gastronomie. An den straßenzugewandten Fassadenseiten entstehen intensiv begrünte Bänder entlang der Obergeschosse sowie Dachgärten. Die Fassadenbegrünung besteht aus einer tragenden horizontalen Stahl-Unterkonstruktion entlang der opaken Brüstungsbänder, die zur Aufnahme der vorkultivierten Pflanzen in Innentrögen dient. Diese begrünten Bänder sind geschossweise übereinander angeordnet und untereinander mit vertikalen Rankhilfen vor den verglasten Flächen verbunden. Es ist also keine kleinteilige vertikale Begrünung entlang einer Wandfläche, sondern eine dem Gebäude vorgelagerte Konstruktion mit Pflanzgefäßen beachtlichen Ausmaßes.

Die Großgehölze auf der Calwer Passage erreichten bei der Montage im Mai 2021 bereits Höhen bis 10 m und wogen bis zu 7 t. Später sollen sie Kronenhöhen von bis zu 15 m erreichen.

Die Be- und Entwässerung der rund 2000 Pflanzgefäße ist in diese Konstruktion integriert, die gleichzeitig auch den Zugang für die Gärtner, beispielsweise für die Pflege und den Beschnitt der Pflanzen, bietet. Ergänzt werden die Grünfassaden durch die intensive Begrünung der Dächer unter Einsatz verschiedenster Gehölze und großgewachsener Baumarten. Die Pflanzgefäße selbst geben überschüssiges Wasser über Öffnungen nach unten ab. Von dort wird es kontrolliert abgeleitet und gesammelt.

Zur Versorgung der Pflanzen wird zusätzlich eine Bewässerungsanlage eingesetzt; die Überwachung erfolgt u.a. über Feuchte- und Temperaturfühler, die innerhalb der Fassaden an ausgewählten Punkten angebracht sind. Die Anlage kann voll automatisiert betrieben werden, wird natürlich aber auch von erfahrenen Gärtnern überwacht. Die Pflanzen, die an der Fassade eingesetzt werden, wurden bereits vor Beginn des Rohbaus kultiviert, damit sie beim Einsatz in Stuttgart eine gewisse Größe und Robustheit erreicht haben.

KII, Düsseldorf

Das trapezförmige, sechsgeschossige Büro- und Geschäftsgebäude bildet zusammen mit dem gegenüberliegenden „Food-Court“ ein begrüntes städtebauliches Ensemble. Das Gebäude ist mit über 30.000 Hainbuchen bepflanzt – ein absolutes Novum in Europa. Die Hecken sind in einem Art Trog in Trog-System eingesetzt. Die Trogreihen sind dabei so zueinander versetzt, dass eine natürliche Versorgung der Pflanzen mit Sonnenlicht und Regenwasser gewährleistet ist. Zur Gewährleistung eines angemessenen Höhenzugangs für den Beschnitt und die Pflege der Pflanzen in der Fassade wurden Wartungsstege und Sicherungssysteme für die Gärtner installiert. An Stellen, an denen kein Platz für Wartungsstege gegeben war, wurde ein Befahrsystem entlang der Trogreihen installiert.

Entwurfsskizze für die Tragkonstruktion des Trogsys-tems bei KII.

Um die Anzahl der Durchdringungen der gedämmten Gebäudehülle möglichst gering zu halten, wurde für die Grünfassade eine spezielle Unterkonstruktion mit Zwischenträgeren in der Dämmebene entwickelt. Eine Blechbekleidung oberhalb der Dämmung und Abdichtungslage fungiert als Wetterschutz und lässt herabgefallene Blätter und Äste wie auf einer großen Rutsche nach unten gleiten. Im Erdgeschoss wird das Grüngut in großvolumigen Rinnen gesammelt und durch die Landschaftsgärtner entnommen.

Die Hecken wurden über einen längeren Zeitraum in einer Baumschule vorkultiviert und zur Montage in den Innentrögen nach Düsseldorf geliefert. Die Fassadenaufbauten beinhalten Versorgungsysteme für Bewässerung, Düngerbeimischung und Entwässerung. Die installierte Technik regelt sich zum Teil selbsttätig auf Basis von Informationen zu Feuchte, Temperatur etc., die über die Fassade verteilte Sensoren liefern. Darüber hinaus wird die Fassade in regelmäßigen Abständen von erfahrenen Gärtnern begutachtet und gepflegt.

Q20, Stuttgart

Im Zuge der Stadtquartiersentwicklung des Stuttgarter Neckar Park soll auf einer Gesamtfläche von ca. 25 Hektar ein neues Wohn- und Gewerbegebiet entstehen. Das Ensemble Q20 besteht aus drei oberirdischen, nicht orthogonalen Gebäudeteilen sowie einer gemeinsamen Tiefgarage. Die begrünten Fassaden und Dächer, insbesondere zu dem öffentlich zugänglichen Hof der drei Gebäude, sollen ein „grünes Tal“ bilden. Die Gebäude verjüngen sich in diesem Bereich nach oben hin und ermöglichen so eine optimierte Tageslichtnutzung bei gleichzeitiger Umsetzung des kommunal geforderten Grünanteils in der Fassade durch großvolumige Pflanztröge. Die Regenwassernutzung durch Retentionskörper rundet die nachhaltige Quartiersentwicklung ab.

Eine Begrünung mit großformatigen, vorkultivierten Pflanzen ist konstruktiv sehr viel anspruchsvoller als ein bodengebundenes System. Um den Aufwand für die Unterkonstruktion zu begrenzen, wird bei Q20 für die Pflanztröge der Grünfassaden hauptsächlich die Lastabtragung durch das Gebäude-Tragwerk selbst angestrebt.

Die zum Teil kaskadenförmige Anordnung kommt dem entgegen; zur Sicherung der Tröge hinter der vorgehängten hinterlüfteten Fassade in den Brüstungsbändern werden diese nur noch in der Lage gesichert.  Bestandteile der Begrünung bei Q20 werden neben den bepflanzten Trögen, Rankhilfen, Versorgungsysteme mit Sensorik zur Überwachung und Entwässerung sein. Ähnlich wie bei der Calwer Passage wird auch hier die Pflanzenauswahl aus einer Vielzahl verschiedener Arten getroffen.

Möchten Sie mehr über die Bedeutung von Grünfassaden und deren Technik erfahren? Dann schauen Sie sich doch auch die folgenden Videos auf unserem YouTube-Kanal an – es lohnt sich auf jeden Fall. Im ersten Video spricht unser Vorstand Roland Bechmann über die ökologische und funktionale Bedeutung von begrünten Fassaden.

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Im zweiten Video erklärt Teamleiter Florian Starz, wie er dazu beigetragen hat, einige der größten grünen Fassaden der Welt zu entwickeln.

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