Die Zukunft des Bauens

»Leichtbau – Eine Forderung unserer Zeit« hieß der Artikel, den Fritz Leonhardt im Jahr 1940 in der Zeitschrift Bautechnik publizierte. Vor dem Hintergrund der damaligen wirtschaftlichen Situation in Deutschland – die angesichts des gerade ausgebrochenen Krieges stark von Ressourcenmangel geprägt war – betrachtete Fritz Leonhardt Themen wie Rohstoffverfügbarkeit und Massenströme. Er leitete daraus Handlungsanweisungen für das Bauwesen ab. Diese mündeten in einer Forderung nach »Leichtbau«, der in den Jahrzehnten nach dem Krieg insbesondere in der Stuttgarter Schule konsequent weiterentwickelt wurde.

Die Bedeutung der von Fritz Leonhardt, Frei Otto u.a. angestoßenen Entwicklungen ist heute größer denn je: Die immer stärker spürbar werdenden Folgen der globalen Bevölkerungsentwicklung ebenso wie große Migrationsbewegungen und das Versiegen von Stoffströmen sind markante Herausforderungen, die vor uns allen liegen. Der sorgsame Umgang mit beschränkten Ressourcen ist eine globale Herausforderung. Mehr denn je ist ein »Leichtbau für alle« gefragt, der sowohl thematisch als auch geographisch viel weiter greift als bisher. Bezeichnend für den Leichtbau der Zukunft muss neben der Suche nach dem möglichst Leichten auch die Minimierung der fossil erzeugten grauen Energie und die Entwicklung recyclinggerechter Konstruktionsweisen sein.

Erste grobe, in ihrer Qualität aber völlig ausreichende Abschätzungen dessen, was die Bauindustrie in den kommenden Jahren weltweit zu leisten hat, ergeben sich aus folgenden Überlegungen: Von den heute auf der Welt lebenden 7,7 Mrd. Menschen sind ca. zwei Mrd. Kinder und Jugendliche, also Menschen, die jünger als sechzehn Jahre alt sind. In den kommenden Jahren werden diese Kinder erwachsen, werden eigenen Wohnraum ebenso nachfragen wie einen eigenen Arbeitsplatz und die dazugehörige Infrastruktur.

Wenn innerhalb der kommenden 16 Jahre zwei Milliarden Kinder von zu Hause ausziehen, so muss jährlich für 125 Millionen Menschen eine neue gebaute Umwelt geschaffen werden. Dies entspricht dem 1,5fachen des gesamten Baubestands in Deutschland. Auf jeden deutschen Bundesbürger entfallen anteilig je ca. 480 t Baustoffe. Legt man diesen Wert als Maßstab zugrunde – und mit welcher Begründung sollte man dies nicht tun!? – ergibt sich weltweit also ein zusätzlicher (!) jährlicher Baustoffbedarf von ca. 60 Mrd. t. Diese Baustoffe müssen hergestellt, transportiert und verbaut (und irgendwann auch wieder entsorgt) werden.

Überträgt man diese schwer vorstellbare Zahl von 60 Mrd. t Baustoffen in ein memorierbares Beispiel, so zeigt dieses: Mit der genannten Menge an Baustoffen ließe sich (jährlich, wohlgemerkt!) rund um den Äquator eine 30 cm dicke Wand errichten, die mehr als 2.000 m hoch wäre.

Die genannten Zahlen sind unglaublich hoch. Sie zeigen eindringlich, wie groß die vor uns liegenden Herausforderungen sind. Wie kann das Bauschaffen zur Bewältigung dieser Herausforderungen beitragen? Die Antwort könnte in einer übergeordneten Überschrift bestehen: natura mensura. Nicht der Mensch (homo mensura), nicht ein Gott (deus mensura), sondern die Natur ist das Maß aller Dinge. Unter dieser Leitlinie sind die weiteren Zielsetzungen folgendermaßen skizzierbar:
1. Es geht darum, mit weniger Material mehr gebaute Umwelt zu schaffen.
2. Es geht darum, alle Baustoffe in einen Recyclingprozess einzugliedern.
3. Es geht darum, ab sofort keinen gasförmigen Abfall mehr in die Atmosphäre zu emittieren.

Das Einsparen von Energie ist hierbei wohlweislich nicht als Zielvorgabe aufgeführt, denn: Die Menschheit hat kein Energieproblem. Es geht vielmehr um den konsequenten Verzicht auf die Nutzung von Energie aus fossilen oder nuklearen Trägern.

Die Betrachtung der erforderlichen Stoffströme hat gezeigt, dass der explosionsartig zunehmende Bedarf an gebauter Umwelt nur dann befriedigt werden kann, wenn eine drastische Reduktion der eingesetzten Materialmengen gelingt. Neben der Minimierung der verwendeten Ressourcen muss es auch darum gehen, diese Ressourcen für eine spätere Wiederverwendung zugänglich zu machen. Ein design for disassembly, also ein recyclinggerechtes Konstruieren und Bauen, ist aus zwei Gründen ein Gebot der Stunde: Zum einen reduziert es das Volumen an neu zu gewinnenden Baumaterialien. Zum anderen minimiert bzw. eliminiert es das Aufkommen an Abfall, der nicht in natürliche oder technische Stoffkreisläufe zurückgeführt werden kann.

Die Änderungen, die erforderlich sind, um das Bauschaffen zukunftsfähig zu machen, können in wenigen Worten benannt werden – von einer praktischen Umsetzung in der Breite sind wir aber noch weit entfernt. Diesen Zustand zu ändern, ist die große Zukunftsaufgabe aller Bauschaffenden.

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